Mit Essen spielt man nicht

Wie in Rostock und Berlin so auch in Essen: Die meisten Delegierten des DJV-Bundesverbandstages 2010 hatten wenig Gelegenheit für Eindrücke vom Stadtzentrum. So bekamen sie nur einen marginalen Eindruck von den 61. Essener Lichtwochen, die die Stadt illuminierten. Das große Leuchten hatte nichts damit zu tun, dass der 61-jährige Journalistenverband in der Stadt tagte – und auch nichts mit „Ruhr.2010“, wie sich der lapidare Markenkern des europäischen Kulturhauptstadtjahres nennt. Nein, hier strahlt es regelmäßig – dank Bergbautradition plus Energieriesen inmitten des Ruhrgebietes. Vor dem Grillo-Theater hatte das Essener Schauspiel den passenden Slogan angepinnt: „Mit Essen spielt man nicht“ – was heißt: in Essen auch nicht.

Kulturell war von Montag bis Mittwoch nicht viel los in der europäischen Hauptstadt – und Zeit auch keine, denn die drei Tage waren voll beladen mit Verbandsarbeit – befangen zwischen föderalen Niederungen und zentralistischen Höhen. Doch genau als die Diskussion dort ansetzte – an einer Übernahme vieler Rechte und Pflichten durch Bundesvorstand und -geschäftsstelle, ohne dass absehbar wäre, wann sich der zweimal beschlossene Komplettumzug von Bonn nach Berlin leicht der Realisation zuneige – war schon wieder Schluss.

Begonnen hatte das Ganze mit einem einstündigen Aufgalopp als Außerordentliche Mitgliederversammlung, zu der aufgrund der Landessatzungen fünf Landesverbände all ihre Mitglieder einladen und die Woller hinkutschen mussten. Parallel zu den gewählten Delegierten durfte diese per Satzungsänderung bestimmen, dass künftig zum Bundesverbandstag nur noch Delegierte eingeladen werden. Seitens des alten Brandenburger Verbandes, dem gerichtlichen Auslöser, kam einer extra. Spitzenreiter war Gastgeber NRW mit 97, Zweiter Sachsen mit 20 zusätzlich zu den Delegierten versammelten Mitgliedern. Dies war – neben der Resolution zugunsten der beiden freien Leipziger Journalisten, die von der Dresdner Staatsanwaltschaft strafrechtlich verfolgt werden, und der zweiten Wiederwahl von Katrin Saft in den Presserat – das wichtigste aus sächsischer Perspektive.

Enttäuschend hingegen der Umgang mit Rechenschaften und Rechnungsprüferbericht: keine Selbstkritik, kaum Diskussion, echte Parteitagsatmosphäre. Aber es ging auch anders: Heiße Diskussionen tobten über die Zukunft von Tarifverträgen und um den Umgang mit angeblich ineffizienten Bundesfachausschüssen als Beratungsgremien, die der Bundesvorstand erstmal ordentlich evaluieren sollte. Die heißeste – die Debatte um Zentralismus versus Subsidarität – wurde im Ansatz abgewürgt und soll nun im Bundesvorstand weiter ausgefochten werden. Hier war es imageförderlich, dass die eigens eingerichtete Pressebank kaum besetzt war – und dass sich innere Kontroversen nicht im offiziellen Ausfluss wiederfinden, ist PR-üblich. Richtig konstruktiv geriet das Treffen von 260 Delegierten (Sachsen hat derzeit 9 Plätze) und 35 Gesetzten von Dienstagnachmittag, als die Anträge in den Arbeitsgruppen beraten wurden, bis Mittwochmittag, als stringent gearbeitet und logisch argumentiert wurde. Doch dann kam schon das Schlusswort, welches der kämpferische Vorsitzende am Mittwoch um 12.22 Uhr sprach, denn es wurde zur Demo für das ehrenwerte Motto der praktischen Durchsetzung der neuen Vergütungsregeln für freie Zeitungskollegen (www.faire-zeitungshonorare.de) von der Philharmonie zum Messehotel gerufen – dort war Abschlusskundgebung und spätestens um 14.30 Uhr waren alle Delegierten wieder in den Privat-, Reise- oder Dienstmodus entschwunden. Geplant war eigentlich: Verbandstag bis 16 Uhr. Auch hier Analogien zu den zurückliegenden Jahren, wo einzelne Delegationen eher abreisten und damit die Beschlussfähigkeit torpedierten. Zur Diskussion der Zukunftsfähigkeit des DJV über 2015 hinaus gehört unbedingt jene selbstreferentielle über Sinn und Effizienz des laut Satzung höchsten DJV-Gremiums.

(AH – Text und Fotos)

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