Große Hausaufgaben und kleine Geister

Weimar als gastlicher Tagungsort und als Sparversion für den DJV-Bundesverbandstag, der erstmalig und zu Testzwecken auf zwei Tage und einen gemeinsamen Abend verkürzt wurde. Die Kürze in unmittelbarer Nähe von Wolfgang, Friedrich, Anna und Charlotte, aber auch von Bauhaus, Buchenwald und Deutschem Nationaltheater, war insofern schade, weil die Stadt just zu den aktuellen Jubiläen vor allem den westdeutschen Delegierten viel in Sachen Heimat-, National- und Republikkunde zu erzählen gehabt hätte und endlich auch mal wieder urbanes Flair ohne Luxus-Schnickschnack bot.

GoeSchill_NatTheaterDie großen Beschlüsse kann man nachlesen: Zwischen Tarifeinheit und Bahnstreik gelegen gab es innerhalb von 24 Stunden sechs Pressemitteilungen im Rahmen der Debatte. Die wichtigste aus sächsischer Sicht: Die Wahl zum Presserat kürte mit Katrin Saft, die seit kurzem die gemeinsame Verbraucherredaktion von Sächsischer Zeitung und Freier Presse als geschäftsführende Chefredakteurin leitet, mit 195 Stimmen als Vierte für zwei Jahre zum einzig frei gewählten Mitglied aus Sachsen in einem Bundesgremium. Und das nur knapp hinter Heike Rost aus Rheinland-Pfalz (212), Sergej Lochthofen aus Erfurt (209) und Sascha Borowsky aus Bayern (205). Nicht mehr wiedergewählt wurde Peter Welchering, Vize-Vorsitzender aus Baden-Württemberg, der vorab die Sicherheit des Wahlverfahren namens „Digivote III“ öffentlich anzweifelte und nun durch den plötzlich angetretenen Hessen namens Klaus Andrießen von der Wetzlarer Neuen Zeitung ersetzt wird – per altem Wahlverfahren.

Unerfreulich für die Landesverbände von Sachsen wie Sachsen-Anhalt war die kühle Ablehnung einer gemeinsam eingereichten Resolution, die sich im Kern wie folgt las: „Der Bundesverbandstag ruft alle Journalistinnen und Journalisten in Deutschland auf, auch bei der Berichterstattung über Krisen im Ausland vorurteilsfrei, hintergründig und umfassend zu recherchieren, eindeutig die Quellen und die Validität dieser Quellen zu benennen sowie bei der Berichterstattung eine angemessene journalistische Distanz auch gegenüber den deutschen Regierungsbehörden zu wahren. Bei der Anwendung von Gewalt und der Verletzung von Völkerrecht müssen bei der Einordnung gleiche Maßstäbe gelten.“ Schnell wurde in der Diskussion klar, dass in den letzten 25 Jahren noch nicht alle Schützengräben von einstürzenden Mauern begraben wurden: Im Meinungsmainstream drohte gar ein pro-ukrainisches Abstimmungsdebakel, obwohl der zitierte Absatz auch von der Antragskommission und vom Bundesvorstand so mitgetragen wurden und als Änderung empfohlen ward. So zog Sachsen die Resolution zurück. Jene vergiftete Stimmung wäre garantiert eine andere gewesen, wenn für die Delegierten Zeit gewesen wäre, die per Werbung omnipräsente Ausstellung „Krieg der Geister“ im benachbarten Neuen Museum der Klassik-Stiftung zu besuchen. Denn auch die Geistergrößen von damals frönten einem vermeintlich gesunden Patriotismus und fielen großer, von den Folgen unbeleckter Kriegsbegeisterung anheim. Die Zäsur erfolgte übrigens zum 400. Luther-Thesen-Jahr, als während der Reformationsparty viele Kirchenglocken zu Kanonen gegossen wurden. Und ein Jahr und neun Tage später (Huch: 9. November!) war plötzlich Revolution. Und bald Weimar Republik. Oder so. Verdammt lang her halt. Dafür gab es – entgegen der Antragskommission – zwei Siege von eigenen Anträgen: Im Abstimmungsendwust, wo eine Stunde vor Schluss die 59 Bayern schon auf dem Heimweg und vieles durchgewunken ward, bekam der Bundesvorstand zwei Aufträge aus Saschen und Anhalt: Einerseits, sich bei der Bundesregierung für die (bezahlbare) Rückkehr von Selbstständigen der Arbeitslosenversicherung einzusetzen. Andererseits für freie Journalisten im Rahmen einer Gruppenversicherung eine attraktive Altersversorgung im Presseversorgungswerk zu schaffen.

ah_BVT2014_Resolution01aAber auch in Sachen Vergütungsregeln sowie Mindesthonoraren und anderen sozialpolitischen Stellschrauben – vor allem in Sachen Krankheit, Beschäftigungszeiten bei Renten oder Pflegebedarf bei Kindern und Angehörigen hat der Bundesvorstand von seinen Freien, die zu 55 Prozent die Mehrheit beim Verbandstag stellten, dicke Hausaufgaben übers Jahr bis nach Fulda 2015 mitgegeben.

Auch bei den Agenturen, so ein sächsischer Antrag von Gisela Bauer, der vom Fachausschuss Freie getragen wie ein Messer durch die erschlaffte Plenumsbutter ging, soll es nie wieder Tarifverträge geben, bei denen die Freien Mitarbeiter – so wie jüngst bei DPA – zum Schluss einfach vergessen werden.

Die Debatte um eine Quote für Junge und/oder Frauen unter den Delegierten geht Sachsen hingegen rein gar nix an. Wir waren mit einem Viertel U-40-Jähriger und 60 Prozent Frauen vor Ort. Und das von Anfang bis Ende. (AH)

Netzinfos:

http://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/djv-gremien/verbandstag.html

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